Die Bologna-Reform hat die Gestalt eines Hochschulstudiums grundlegend verändert, gerade auch an Fachhochschulen. Vieles ist neu und anders. An der Veranstaltung «Bachelor und Master im Praxistest» vom 4. Oktober an der ZHAW wurde in einem ersten Teil die Akzeptanz der neuen Titel im beruflichen Umfeld erörtert.
Für Alexander Senn, Head HR Marketing & Recruiting bei KPMG, steht weniger die Hochschuladresse die entscheidende Rolle spielen, sondern die gelungene Kombination zwischen Theorie und Praxis: «Vorhandene Berufserfahrung nach Studienabschluss ist für den Einstieg bei KPMG von Vorteil.» Unternehmen wie KPMG würde heute nicht mehr zwischen Absolventinnen und Absolventen einer universitären Hochschule oder einer Fachhochschule unterscheiden. Und das hat, gemäss Senn, seinen Grund: «Heutzutage verfügen auch Uni-Absolventen über interessante Praxiserfahrung. Andererseits ist es heute immer weniger der Fall, dass FH-Absolventen mehrjährige Berufserfahrung mitbringen.» Genau diese brauche es aber, um seine Persönlichkeit zu entwickeln. Beim Beratungsunternehmen sind Neueinsteiger häufig schon am ersten Tag auf Kundenbesuch. Immer mehr Studierende seien bereit, für beispielsweise ein Jahr ein Praktikum in einem Unternehmen zu machen, um dann das Studium in einem Masterstudiengang fortzusetzen. Hierzu müssten Unternehmen aber vermehrt Praktikumsplätze oder innovative Lösungen wie Teilzeitstellen für Studierende anbieten. Das Unternehmen KPMG erwartet von den meisten Fachkräften im Bereich «Audit» die Bereitschaft sich berufsbegleitend zum Wirtschaftsprüfer ausbilden zu lassen; das Diplom haben Anwärter frühestens nach drei Jahren in der Tasche. Das Wirtschaftsprüfungsunternehmen entlohnt Bachelor mit Berufserfahrung ähnlich wie Studienabsolventen mit Masterabschluss, aber ohne (oder minimale) Berufserfahrung.
Noch viel Aufklärungsbedarf im Detail
Im Anschluss an die Referate äusserten sich Interessierte in kleinen Gruppen zu Fach- und Methodenkompetenzen von FH-Absolventen. Nach wie vor besteht viel Aufklärungsbedarf bei der Einordnung, Zutrittsregelungen und Durchlässigkeit innerhalb des Bachelor-Master-Systems.
Ein Teilnehmer der Veranstaltung monierte, dass Studienabsolventen mit Bachelor ja ihre Berufsbefähigung bereits unter Beweis gestellt hätten; dies wegen der Fähigkeitsausweise aus der Berufsbildung. Aber mit der Hochschulreform (von Technikum/HWV zu den Fachhochschulen) sei die Anzahl der Wochen im Schulbetrieb stark reduziert worden. Gerade in Technik-Lehrgängen, wo das mathematische und naturwissenschaftliche Rüstzeug gelernt werden müsse, erweise sich das als Nachteil. Es bleibe auch so weniger Zeit für das Selbststudium. Im Diskussionskreis widersprach Tobias Merseburger, Leiter des Instituts für Biotechnologie an der ZHAW, dem Eindruck, dass Fachhochschulen mit dem Bachelor-Abschluss Instant-Lösungen produzierten. Die Studierenden seien während des Studiums angehalten, je länger je mehr auch ihre Methodenkompetenz zu trainieren. Er erwähnte dabei selbstständige Projektarbeiten und Vorträge. Damit sei Gelegenheit gegeben, sich nochmals vertieft mit dem Stoff auseinanderzusetzen.
Zugang zu Masterstudiengängen
Im Verlauf der Gespräche wurde vielen Teilnehmenden erneut klar, dass das Kreditpunktesystem (ECTS) nur den (zeitlichen) Aufwand bis zur Zielerreichung taxiert. Damit kann in keiner Weise inhaltliche Aussagen zu Ausbildungsgängen gemacht werden. Zu unterschiedlich sind nicht nur die (Master)-Studiengänge, sondern auch die gewählten Schwerpunkte und Methoden jeder Hochschule in derselben Fachrichtung. Dies ist auch der Hauptgrund, weswegen die von den Bologna-Promotoren geforderte Durchlässigkeit zwischen den Hochschultypen nur mit Müh und Not funktioniert. Ein Bachelor-Absolvent in Wirtschaftsinformatik an der ZHAW schilderte seine Schwierigkeiten, in den Masterstudiengang einer universitären Hochschule aufgenommen zu werden. Die Messlatten bei den «Hausstudierenden» und Externen seien sehr verschieden.
Noch mehr Verknüpfung von Schule und Praxis
Ebenfalls zur Sprache kam, dass Unternehmen spezifische und begleitete Praktika anbieten sollten, damit Studierende sich ein konkretes Bild ihrer späteren beruflichen Tätigkeit machen können. Dem Ziel der Berufsbefähigung würde eine Fachhochschule nicht entsprechen, wenn Bachelor-Absolventen sich mit Praktika über Wasser halten müssten; eine reguläre Festanstellung nach erfolgreichem Studienabschluss müsse das Ziel bleiben. «Branchenprobleme und Konjunkturzyklen beeinflussen die Chancen, den erfolgreichen Einstieg in die Arbeitswelt», sagte ein Experte aus dem Bachelorlehrgangs «Journalismus und Organisationskommunikation».
Die eingeladene Politikerin, Chantal Galladé, hob hervor, dass Fachhochschulen einen wichtigen Beitrag leisten, um dem Fachkräftemangel entgegenzuwirken. Einmal im Berufsleben langfristig integriert, äussern sich FH-Absolventen zufrieden mit ihrer beruflichen Situation. Auch die Höhe der Bruttolöhne in «traditionellen» FH-Fachrichtungen (Bau, Wirtschaft, Technik usw.) sind vergleichbar mit denjenigen von Abgängern universitärer Hochschulen. Mit Blick auf ähnliche Umfragen in Deutschland orten Unternehmen noch Verbesserungsbedarf bei den Lerninhalten und bei der Länge der Praktika. Bachelor-Absolventen wünschen sich - im Rückblick auf ihr FH-Studium - noch mehr Begleitung während Praktika in den Betrieben und mehr Unterstützung, um Kompetenzen bei der persönlichen Arbeitsorganisation vermittelt zu bekommen.
